Meine erste Famulatur – Hausarzt

Natürlich ist klar: als MedizinstudentIn muss man sich früher oder später darauf einstellen sein Wissen und Erlerntes zu zeigen und am Klinik- oder Praxisalltag teilzunehmen. Nichtsdestotrotz war ich sehr aufgeregt vor meiner ersten Famulatur. Ich dachte mir nur: Weiß ich schon genug? Was, wenn ich etwas nicht beantworten kann? Was wenn ich total versage und mich das ganze runterzieht? Ich würde nicht sagen, dass ich Angst vor meiner ersten Famulatur hatte, aber definitiv Respekt.

Ich entschied, dass meine erste Famulatur in einer Hausarztpraxis sein sollte. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt das 3. Jahr beendet und somit schon den Untersuchungskurs bestritten. Wir hatten 2 x die Woche für zwei Semester Unterricht am Krankenbett und so fühlte ich mich in diesem Teil der Medizin bereits sicher. Da ich im Ausland studiere, beherrsche ich die medizinischen Fachbegriffe hauptsächlich auf Englisch und Bulgarisch und ich hatte vor der Famulatur auch in diesem Bereich Zweifel, ob ich mich überhaupt adäquat ausdrücken könnte. Ich lese zwar ab und an auch medizinische Fachbücher auf deutsch, aber in der Klinik war ich es gewohnt Bulgarisch oder Englisch zu sprechen.

Vor meinem ersten Tag informierte ich mich über die Praxis und den Schwerpunkt meiner Lehrärztin, bei welcher ich hauptsächlich meine Zeit während der Famulatur verbringen sollte. Sie ist Allgemeinmedizinerin mit Weiterbildung zur Infektiologin.

Nun kam der erste Tag meiner Famulatur. Am Abend zuvor suchte ich gefühlte 3 Stunden ein passendes Outfit heraus, welches professionell wirken sollte aber nicht zu spießig. Ich packte einen Block, Stift und das Oxford handbook of internal medicine ein ( ein Handbuch für die Klinik). Ich war überpünktlich und total nervös. Natürlich versuchte ich mir das Ganze nicht anmerken zu lassen aber mein Puls war bestimmt auf 180.

Direkt am ersten Tag gab es einen Notfall in der Praxis. Eine ältere Dame mit Vorhofflimmern. Es wurde ein EKG gemacht und ich sollte direkt dabei sein und zuschauen. Total überfordert stand ich nun da und mir wurden von der mich eigentlich nicht betreuenden Ärztin Fragen zu ihrem aktuellen Vorgehen gestellt. Mein Gehirn war in dieser Situation natürlich total überfordert und ich stotterte nur so vor mich hin. Nach diesem ersten Vorfall lief der Alltag in der Praxis normal weiter und es konnte richtig losgehen.

Als erstes möchte ich euch von dem Verlauf eines durchschnittlichen Tages erzählen. Jeden Morgen nahm ich mir also einen kleinen Hocker und setze mich mit der Lehrärztin an den Tisch im Sprechzimmer. Ich durfte an der Anamnese und an körperlichen Untersuchung teilnehmen und mein, erlerntes Wissen auch praktisch einsetzen. Ich machte mir Notizen über die Dinge, die ich nicht wusste und später fragen oder nachschlagen wollte. Das kleine Taschenbuch half mir zwischendurch sehr, um während einer Konversation zwischen Ärztin und PatientIn schnell etwas nachschlagen zu können. Die Mittagspause verbrachte ich meist in einem Café an der Ecke oder wir machten Hausbesuche bei Patienten. Nach der Pause ging es dann weiter. Nachmittags standen meist Ultraschalluntersuchungen an, die mir am meisten Spaß machten, doch dazu komme ich später.

Um nun detaillierter auf meine Tätigkeiten und Highlights einzugehen, möchte ich an dieser stelle sagen, dass ich mir eine Famulatur in einer Hausarztpraxis bei weitem nicht so spannend vorgestellt habe wie es am Ende war. Das lag wahrscheinlich auch daran, dass meine Ärztin aufgrund ihrer Weiterbildung zur Infektiologin spannendere Fälle hat als der durchschnittliche Hausarzt. Im Folgenden würde ich gerne auf meine ganz persönlichen Highlights der Famulatur eingehen:

  1. Infektiologie: meine Lehrärztin behandelt hauptsächlich Patienten mit Infektionskrankheiten wie HIV oder Hepatitis. Die Famulatur gab mir einen tiefen Einblick in die Diagnose, Symptome, generelles Krankheitsbild mit Verlauf und Behandlung dieser Erkrankungen. Ich fand schnell das Interesse an diesem Fachgebiet und fing an mich mehr damit auseinanderzusetzen. Zu Hause las ich mir die besprochenen Krankheiten nochmal durch und versuchte so das Erlernte zu vertiefen.
  2. Ultraschall- mein absolutes Highlight: Ich durfte so gut wie jeden Tag die Patienten schallen. Zu Anfang war das gar nicht mal so einfach aber schon nach 1-2 Wochen war ich in der Lage, sämtliche Strukturen (Aorta, Pankreas, Leber, Nieren, Milz, Magen, Blase, Prostata, Schilddrüse, A. Carotis externa und interna) zu erkennen und korrekt darzustellen. Nach ca. einer weiteren Woche konnte erkennen, ob etwas mit einem Organ nicht stimmte. Ich konnte beispielsweise eine Fettleber, Zysten in den Nieren, Nierensteine oder Gallensteine erkennen. Ich sah, wenn eine vergrößerte Prostata vorlag oder wenn sich Plaque in den Gefäßen abgelagert hatte. Das Schallen hat mir während der Famulatur am meisten Spaß gemacht und ich vermisse es täglich.
  3. Blut abnehmen: Während der Famulatur hab ich das erste Mal bei einem Patienten Blut abgenommen.
  4. Selbständig eine Anamnese aufnehmen: Dadurch, dass mein Studium in Sofia sehr praxisorientiert ist, hatte ich im Aufnehmen der Anamnese und im Ausführen der körperlichen Untersuchung bereits eine gewisse Routine. Das einzige, was mir noch fehlte waren weitere Reflexuntersuchung neben dem Patellarsehnenreflex, da ich Neurologie erst im 7. Semester hatte. Ab der 3. Woche durfte ich ab und zu ein Sprechzimmer für mich alleine besetzen und die Patienten selbständig untersuchen und eine Anamnese aufnehmen. Natürlich kam danach die Ärztin dazu und ich sollte meine Ergebnisse der Untersuchung mitteilen. So konnte ich selbständig handeln und mein Selbstbewusstsein vor den Patienten stärken. Da ich bis dato nur mit bulgarischen Patienten in Kontakt war (außer im Pflegepraktikum), war der Kontakt mit deutsch sprechenden Patienten etwas ganz Neues für mich. Obwohl ich mich mit bulgarischen Patienten einigermaßen gut auf medizinischer Ebene unterhalten kann, ist die Sprachbarriere trotzdem vorhanden und die Professoren müssen an der ein oder anderen Stelle doch mal übersetzen. Ich glaube dadurch, dass ich die Anamnese auf bulgarisch gut beherrsche fiel sie mir dann auf deutsch umso leichter.
  5. Interpretieren von Charakteren: Da man jeden Tag so viel mit Menschen zu tun hat entwickelt man mit der Zeit ein gewisses Verständnis für die verschiedenen Persönlichkeiten, die Patienten aufweisen. Es fällt einem immer leichter zu interpretieren wieviel der Patient von sich preisgeben möchte oder wie gut er seine Therapie einhält. Man merkt schnell, ob ein Patient dem Arzt vertraut oder ob er ihm skeptisch gegenüber tritt.
Mein Fazit:

Am Ende der Famulatur hatte ich das Gefühl sehr viel gelernt zu haben. Vor allem das Schallen hat mir unglaublich viel gebracht und verhilft mir aktuell bei meinen jetzigen Blöcken in der inneren Medizin weiter. Wichtig bei einer Famulatur ist es zu sehen und zu lernen, wie man mit Patienten umgeht und wie man das theoretisch erlernte Wissen dann praktisch umsetzt. Das alles hat mir diese Famulatur definitiv mitgegeben. Auch das fachliche Wissen vertieft sich immer mehr und aufgrund des breiten Spektrums in der Allgemeinmedizin wurden schon in einem Monat viele Fachgebiete abgedeckt. Es war total spannend zu beobachten, wie meine Lehrärztin innerhalb von Sekunden zwischen verschiedenen Fachbereichen hin und her sprang und somit versuchte die Symptome des Patienten einzuordnen und zu einer Diagnose zu kommen.

Würde ich die Allgemeinmedizin als Fachgebiet wählen? Ich weiß es nicht. Mit jedem Block, den ich absolviere ändere ich mein Wunschfachgebiet und ich entscheide mich so ziemlich jeden Monat um. Es gibt für mich Punkte, die gegen die Allgemeinmedizin sprechen und welche, die dafür sprechen. Ich möchte mich aber auch noch gar nicht festlegen, bevor ich nicht alle Bereiche im Studium angeschnitten habe.

Ich hoffe dem ein oder anderen gewährt meine Zusammenfassung der hausärztlichen Famulatur einen Einblick ins Geschehen. Als Tipp gebe ich euch mit: sucht euch eine Hausarztpraxis, die Sonographie anbietet und in der die ÄrztInnen vielleicht eine Weiterbildung haben in einem Gebiet, welches euch interessiert und wo es Spannendes zu sehen gibt. Ich glaube, ich hatte Glück, dass ich so viel alleine machen durfte und nicht nur daneben saß, weil nur durchs Sitzen und stundenlanges Zuhören lernt man meiner Meinung nach nicht sehr viel.

Eure JOJO – von jojosweltdermedizin

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